Kalte Tropfen rannen durch die Ziegelplatten und landeten mit erstickter Geräuschbegleitung im kristallinen Weiß des Schnees, ein Eiszapfen hielt seine Position mit aller Macht der ihm gegebenen natürlichen Kräfte und Hundespuren wurden vom Wind verweht bis sie aussahen wie dem Zufall zu verdankende Formungen mit ihren Erhöhungen und Vertiefungen, die allesamt gemeinsam auf jedem Quadratmillimeter des städtischen Asphalts ganze Landschaften bildeten.
All diese Schönheit und vor allem die beeinflusste Zufälligkeit die sie bildete, war für Edward Klein eine Zumutung höchsten Maßes. Es war ein weiterer Spätwintermorgen angebrochen, der Edwards Hoffnung, der vorige Tag wäre der letzte dieser Art gewesen, unter sich begrub.
Noch war er in der warmen Stube, die dem Einzelgänger die letzten 20 Jahre Wärme und Ruhe geboten hatte, doch Edward wußte nur zu gut, dass er bald pünktlich wie immer im frostigen Klassenzimmer den vorbildlichen Mathelehrer spielen würde. So schluckte er seinen Mißmut, schlüpfte in seine Schuhe, wickelte sich den Schal um seinen Hals, plazierte seine Wollmütze symmetrisch auf seiner Schädeldecke und blieb wie jeden Morgen kurz zögernd seine Jacke betrachtend stehen.
Nichts hasste er mehr als Dinge, die er nicht unter Kontrolle hatte, sodass er morgens immer erst seine Jacke auf den Kopf stellte, um die Gewissheit zu haben, dass in den Taschen vorhandene Gegenstände nicht einfach herausplumsen konnten. Da er gerade aus dieser Angst heraus tatsächlich nichts in den besagten Taschen lagerte, war die Aktion ziemlich sinnfrei. Für Edward jedoch war die Bestätigung für absolute Berechenbarkeit so lebensnotwendig wie das etwas magere Frühstück, dass ihm die nötige Kraft für den Tag verleihte.
Fertig angezogen rückte er den Teppich zurecht, schritt zur Wohnungstür, öffnete sie gerade so weit, dass er knapp durchpasste und schloss sie dreimal hinter sich ab. Ein Blick auf seine Armbanduhr bestätigte seine Pünktlichkeit. Nicht nur sein Frühstück unterlag einem starken Hang zum Sparen, wodurch sich erklären ließ, warum er selbst bei einer solchen Kälte ein Fahrrad den öffentlichen Verkehrsmitteln vorzog. Es mag aber auch daran gelegen haben, dass einfach kein Verlass auf die Pünktlichkeit sein konnte, wenn man nicht alles selbst in die Hand nahm.
Den Schlüssel gezückt steuerte er geschickt seinen langen eher unsportlichen Körper durch den überaus engen Hausflurgang. Dann ging er in den verschneiten Hof hinaus Richtung Abstellplatz seines treuen Gefährts. Doch dieser Tag hielt eine böse Überraschung für ihn bereit, das spürte Edward von Vornherein und war trotz extremen Schock nicht allzu erstaunt als er wutentbrannt statt dem Erwünschten nur noch den im Schnee gebildeten Abdruck eines verschollenen Fahrrads wiederfand.
Der Vorfall ließ ihn ganze zwei Minuten lang ratlos auf einen sehr unsymmetrischen Ast starren, der sich fast provokant über seinen Kopf reckte. Der dazugehörige Baum lehnte sich teilnahmslos in die entgegengesetzte Richtung und verweilte dort mit seinen tuschelnden Ästen als hätte er unendlich viel Zeit und Genuss um die Welt aus immer demselben Blickwinkel Tag für Tag zu beobachten. Die Freude der Zeitlosigkeit war jedoch ein Fremdwort für den verzweifelten Herren, dessen Uhr ihm eine andere Sprache vor Augen führte. Zwar hatte er noch genug Zeit, doch schon diese winzige Verzögerung ließ bei ihm Schweißperlen fließen.
Er hatte so etwas geahnt, aber nicht einberechnet, sodass sein Kleingeld nicht für eine Bahnfahrt ausreichte. Diesmal ungeschickt an den Wänden entlangschleifend stolperte der Mann den Hausflur hoch und kramte keuchend in seiner Hosentasche nach dem Schlüssel. Als er ihn ergriff, wurde dieser rücksichtslos in das Türschloss gestopft. KRACKS. "Was zur Hölle war das!?", platzte es Edward lautstark heraus, während er sich ungläubig den Schlüssel vor die Augen führte. Wie sich herausstellte war das, was er da hielt kein Schlüssel, sondern ein zerborstener Bleistift. Hysterisch leerte er seine Taschen und musste zu dem traurigem Schluss kommen, dass das Stück Metall noch am Schlüsselbrett ruhte und der Weg zu dem benötigten Kleingeld versperrt war.
Die Folge war, dass Herr Klein ganze 15 Minuten zu spät im Unterricht erschien und dazu auch noch mit schweißgetränktem Hemd. Die Stunde wurde zudem eine der unerträglichsten seines Lebens, da die Klasse schon gefeiert hatte, dass die Stunde ausfällt und nun eine ungebändigte Unruhe bestand. Resultierend atmete er beim Ertönen der Klingel genauso wie die Schüler so schwer auf, dass im Raum das Geräusch einer verirrten Windböe entstand. Es wurde gedrängelt und gezerrt bis nach einer Weile endlich der letzte Schüler das Klassenzimmer verlassen hatte.
Die Stille brachte Herrn Klein dazu ein zweites mal laut Aufzuatmen, woraufhin er erschöpft im Lehrerstuhl versank und sich die Schläfen rieb. Da sieht man mal wieder was passiert, wenn nur eine klitzekleine Sache mal nicht richtig Bedacht wurde, dachte er sich.
Auf einmal klopfte es an der Tür. Bevor Edward etwas sagen konnte, kam Frau Retniw hereingeschneit und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie war bis zur Mütze mit Schnee bedeckt, der sich mit einem Luftzug im ganzen Raum verteilte. Edward, der einen Batzen Schnee ins Gesicht bekam, stand entnervt auf und schüttelte sich.
"Und ich denke jedes Mal, ich bin dieses widerliche Zeug los, wenn ich ein Gebäude betrete!", scherzte er.
"Tschuldijung, bin vorm Einjang ausjerutscht!" erwiderte sein Gegenüber.
"Oh, dann hatten Sie also auch so einen tollen Start in den Tag?"
"Ne eijentlich...pardon: eigentlich fand ich die kleine Erfrischung ganz lustig."
"So? Naja jedem das seine.", seufzte Edward und setzte sich vorübergehend wieder auf seinen Stuhl, während Frau Retniw um ihn herum ging, auf einer Tischkante platznahm und die hübschen Beine übereinanderschlug.
"Ich weiß nicht recht. Um ehrlich zu sein denke ich, dass Sie die Dinge oft etwas zu ernst nehmen, Herr Klein."
"Wie bitte? Sie wollen mir doch nicht etwa weißmachen, dass es Ihnen gar nichts ausmacht, wenn ständig überraschende Ereignisse Ihnen Ihre Pläne zerstören!"
"Wissen Sie eigentlich, was für ein enormes Glück dazugehört, wirklich Alles im Griff zu haben?"
"Wieso was hat das mit Glück zu tun? Wenn ich alle Wahrscheinlichkeiten in Betracht ziehe, kann mir doch nichts passieren!", tonierte Herr Klein nun um vieles lauter, da immerhin sein gesammtes Weltbild soeben in Frage gestellt wurde.
Doch die weibliche Gegenspielerin ließ nicht locker und fragte vermitzt: "Müssten Sie als Mathelehrer nicht theoretisch wissen, dass Wahrscheinlichkeiten stehts mindestens zwei mögliche Ergebnisse mit sich ziehen? Hierbei können Beeinflussungen wie Ihre Vosichtsmaßnahmen nur die Chancengleichheit zwischen diesen Ergebnissen verändern. Ab diesem Punkt ist das ganze dann nur noch pures Glück und wenn Heute das erste mal ist, dass bei ihnen was auch immer schief lief, dann muss ich ihnen unweigerlich zu ihrem Glück gratulieren.".
Frau Ritnew lächelte und hielt Edward ihre Hand hin, wobei ihr ein schwarze Strähne attraktiv ins Gesicht fiel.
Edward wurde etwas nervös, wußte nicht mehr wirklich was er sagen soll, ging aber nicht auf die hingestreckte Hand ein.
"Ehm, also da sieht man mal wieder wie sehr die Fächerkombinationen einen Lehrer charakterisieren können. Sie sind ein Ausnahmefall mit einer Mathe-Deutsch Kombination und verbinden somit gleich die pragmatischen Anwandlungen im Deutschunterricht mit den eher rein theoretischen Weltanschauungsansätzen, die uns die Mathematik bringt und die in keiner Weise auf das reele Leben zutreffen müssen.".
Nachdem er den Satz beendet hatte, lehnte er sich zum ersten mal an diesem Tag zufrieden in seinen Stuhl zurück und war sich sicher, Frau Retniw würde nun verstehen, dass sie ihn nicht in seinen Ansichten beirren könne.
Doch die fesche Dame beugte sich vor, blickte ihm in die Augen und fing abermals zu plappern an.
"Also Herr Klein, für so verbohrt halte ich Sie aber nun auch wieder nicht. Ich sehe in Ihren Augen, dass Sie zweifeln und nehme mir somit die Freiheit Ihnen eine kleine Geschichte zu erzählen, die nichts mit der achso theoretischen Mathematik zu tun hat."
"Nur zu!"
"Es ist die Geschichte vom kleinen Häschen Fluffy Flou -" ...Herr Klein hustete an dieser Stelle laut... "Ist was nicht in Ordnung?"
"Nein, nein, fahren Sie fort!"
"Also wie schon gesagt, es handelt sich um die Geschichte vom -"
"Jaja! Es handelt von nem kleinen Häschen! Ich habs verstanden! Können Sie nicht dort anfangen wo Sie aufhörten?"
"Meinetwegen! Also:
Es führte ein trauriges Leben voller Hass und Leid. Bei seiner Geburt wurde es aus Nahrungsmangel von der Mutter abgestoßen und war von diesem Moment an jeglichen Gefahren dieser schrecklichen Welt ausgeliefert. Trotzdem trieb es ein enormer Lebenswille, der ihm dazu verhalf, genug Nahrung zu finden, um seinem frühzeitigen Ende zu entkommen. Es war aber nicht nur der Wille zu überleben, der ihm verhalf gegen die Tücken der Natur anzukommen, tatsächlich hatte es in vielen Situationen einfach einen großen Haufen Glück.
Direkt nach seiner Geburt kroch es noch blind und alleingelassen auf einer trockenen Wiese bis es plötzlich in einen verlassenen Fuchsbau hinabkullerte, wo es -als es abends kälter wurde- zu graben anfing, um sich in die warmen Erdschichten zu kuscheln. Als es also so grub, vernahm seine empfindliche Nase einen wunderbaren Duft und es stellte sich heraus, dass zuvor ein Eichhörnchen hier über einen langen Zeitraum hinweg seine gefundenen Schätze vergraben haben musste. So hatte Fluffy Nahrung für Wochen und einen geschützten Ort zum Schlafen. Dennoch hätten es die meisten Häschen nicht geschafft, die Kraft aufzubringen direkt nach der Geburt so weit zu kriechen wie es Fluffy Flou geschafft hatte und so verdiente er sich diesen glücklichen Schicksalsschlag.
Mit der Zeit wurde er stärker und größer. Trotz des Wachstums schien die Welt immer noch zu groß für ihn zu sein und es ist kein Geheimnis, dass Klein-Flou auch ein besonders kleines Exemplar seiner Gattung war. Nichts desto trotz konnte er sich ein relativ großes Revier sichern, welches tagtäglich ordnungsgemäß markiert wurde. Die Zeit verstrich und Fluffy pflegte einen runden Tagesablauf. Morgens rannte er zwischen fünf Punkten hin und her um das Revier zu sichern, mittags suchte er nach Futter zum Lagern, nachmittags ass er sehr spärlich und abends wärmte er den Schlafplatz auf, sicherte die Höhle mit ein paar Blättern und legte sich schlussendlich aufs Ohr.
Zwar wußte er das Revier vor fremden Hasen zu schützen, gegen andere Tiere wie Füchse halfen seine dominanten Urinverteilungen jedoch nicht. Das Glück war ihm dennoch weiterhin gesonnen, da keinerlei Fuchs auch nur seine Schwanzspitze blicken ließ.
Ein ganz normaler Sommermorgen brach an und Fluffy Flou begann mit seiner Routine als es überraschend hinter ihm raschelte.
"Du bist also dieser Fatzke, der dieses Revier jetzt für sich beansprucht?"
Das Häschen drehte sich verwirrt um und erblickte ein rotbraunes Eichhörnchen, dass ihm böse Blicke zuwarf.
"Mein Name ist Fluffy Flou ... ich ..."
"Es ist mir egal, wie du heißt!", schnauzte das Hörnchen, "Wichtig ist nur, dass du der Typ bist, der meiner Schwester einen ganzen Monatsvorrat an mühselig zusammengesuchter Nahrung gestohlen hat!"
"Oh...ich wußte ni..."
"Da wollte sie eines Tages ihren Schatz bergen und riecht deine Markierungen! Leider ist sie ein bisschen naiv und dachte deshalb der graue Fuchs sei in seine Höhle zurückgekehrt und sie könne ihre Arbeit in der Pfeife rauchen. Weil ich wußte, dass sie Probleme beim Unterscheiden von Harnstoffen hat, denke ich mir also, schaun wa doch mal nach. Und was müssen meine armen Augen sehen? Ein Pimpf! Ein Hans! Ein gewisser kleiner Fluffy Flou maßt sich an, gegen den Codec der kleinen Waldbewohner zu verstoßen, der besagt: Futter für den, der dafür arbeitet und Arbeit für den, der dafür futtert!"
"I - Ich war noch ganz klein... ich wu..."
"Hör auf zu stammeln Junge! Weißt du, vielleicht hast du Glück, denn Gerüchte besagen, der graue Fuchs sei tatsächlich zurückgekehrt und treibt sich hier irgendwo herum. Pass ja auf, dass er dich nicht frisst, so gut wie du jetzt mit den Vorräten meiner Schwester genährt bist!". Dies waren des Eichhörnchens letzte Worte, die er mit lautem boshaften Gelächter abschloss und dann zurück in die Büsche flitzte.
Das Gesagte machte dem Häschen Angst. Im Gegensatz zu der Behauptung des Hörnchens war er trotzdem nicht gut genährt und machte sich wieder einmal bereit, auf Futtersuche zu gehen. Der Erfolg blieb diesmal aus und Fluffy musste diese Nacht mit knurrendem Magen verbringen.
Der nächste Tag war einer von der dunklen, regnerischen Sorte. Bedrohliche Gewitterwolken und unheimliche Schatten tanzten über den Bau. Fluffy wachte erst spät auf und beschloss den ganzen Tag die Höhle nicht zu verlassen in der Hoffnung, demnächst genug Nahrung zu finden, um das Loch in seinem Bauch endlich zu stopfen.
Der folgende Tag sah nicht groß besser aus. Trotzdem war das arme Häschen allmählich so ausgehungert, dass es genötigt war, den Bau zu verlassen. Blitze zuckten bedrohlich über seinen Kopf hinweg und der Donner grollte. Mit letzter Kraft graste Fluffy das Grundstück ab, fand jedoch nichts Nahrhaftes. Die Wiese war zu trocken und kahl, um sich an ihr zu laben hätte es auf die Wirkung des Regens warten müssen. Plötzlich traf Klein-Flou auf eine Fußspur und gleich darauf mehrere derselben Sorte. Es waren die der Eichhörnchen, die ihm höchstwahrscheinlich all sein Futter aus dem Revier stibizt hatten.
Erschöpft blieb Fluffy liegen, als er auf einmal einen grauen Streifen durch das Gestrüpp flitzen sah. Die Erkenntnis kam sofort. Der Hase rappelte sich schwerfällig auf und machte sich kraftlos auf den Rückweg. Gerade erst den Bau erreicht, sprang der graue Fuchs schon hervor. Seine Augen starrten Gelb leuchtend in die Dichte der Finsternis. Witternd bewegte er sich im Zickzacklauf immer näher auf das Versteck zu. Flou vergrub sich so tief er konnte, was die Nase des schlauen Jägers jedoch nicht beirren konnte. Weiterhin hörte man seine vorsichtigen Schritte immer lauter werden und sein genüßliches Knurren die Erde erbeben.
Urplötzlich kehrte Stille ein. Weder Gewitter, Regen oder Fuchs ließen ihre angsterfüllenden Geräusche spielen. Ein paar Minuten später hielt es Fluffy nicht mehr aus. Es musste wissen, ob die Luft nun rein war. Mit größter Zurückhaltung lugte es zitternd über den Rand des Höhleneingangs. Da war nichts. Das kleine Herz schlug vor Freude einen Purzelbaum. Die neu geschöpfte Kraft motivierte es, eine zweite Nahrungssuche zu starten. Gegen seine Erwartungen entdeckte das Häschen sofort etwas orangenes unter einem großen Baum. Es war eine unglaubwürdig gut riechende Karotte. Fluffy Flou stürzte sich darauf. Die Möhre war nicht nur das leckerste was es jemals gegessen hatte, es war zudem das größte Exemplar, dass es je gesehen hatte. In all seiner Freude bemerkte Fluffy fast zu spät, dass er in eine Falle getappt war und dass der graue Täter direkt hinter ihm die Zähne fletschte. In letzter Sekunde wich er einem tödlichen Biss aus. Der Fall war klar: Flucht.
In einem enormen Tempo hoppelte Fluffy durch die Wiesen, ohne auch nur einen Blick hinter sich zu Riskieren. Es sprang, flitzte und vollführte komplizierte Ausweichmanöver, während der Verfolger eher lässig hinterher schlenderte und darauf wartete, dass die Energiereserven des Opfers zu Grunde gehen. Besagte Reserven ließen den Hasen wirklich schnell im Stich. Bald konnte er nur noch schwächelnd geradeaus laufen bis er über einen Stein fiel, sich überschlug und nur knapp vor dem Rand einer Klippe wieder Halt fand. Der Fuchs starrte ihn belustigt in die zuckenden Augen, tappte im Slalom auf ihn zu und sagte: "Ich hätte nicht gedacht, dass die feigen Viecher die Wahrheit gesagt haben. Du erdreistest dich also in meinen Bau einzubrechen?".
Fluffy hatte nicht vor, zu antworten. Er wich einen Schritt zurück. Das stellte sich jedoch als ein Fehler heraus, da er das Gleichgewicht verlor und kopfüber nach hinten kippte. Er war im Begrif in den tiefen Abgrund zu Fallen. Zwar versuchte er verzweifelt noch einen Ast zu erwischen, doch es stellte sich heraus, dass seine Beinchen dafür deutlich zu kurz waren.
Der Flug begann und langsam aber stetig, mit voranschreitender Tiefe, bildete sich ein breites Lächeln zwischen seinen Pausbäckchen. Es war das Lächeln eines Wesens, in dem die vollkommene Glücklichkeit jede Zelle seines Körpers ausfüllt. Und es lag daran, dass die Tatsache, sein kostbares Leben zu verlieren, ihn dermaßen ankotzte, dass er innerhalb weniger Hundertstel erkannte, wie klar die Situation definiert war. Sein Tod war in diesem Moment eine derart festgeschriebene Tatsache, dass er so unendlich glücklich war, sich für eine gewisse Zeit noch an den Dingen erfreuen zu können. Der rauschende Wind blies seine flatternden Ohren in unberechenbare Formen und kitzelte angenehm. Von hier oben konnte er in ein weites wunderschönes Tal blicken und sich die Milliarden Leben vorstellen, die in diesem Augenblick dort entstanden, um Teil eines gigantischen Kreislaufes zu werden. Das Tal umgab ihn seit Beginn seines eigenen Lebens, doch er hatte es nie registrieren können, weil er in den Tücken des Glücks, der Routine und der Sicherheit untergegangen war. Fluffy merkte, dass er durch deren Fusion sein Leben lang nur überlebt hatte. Mit dieser Erkenntnis lernte er, sein Leben von diesem Punkt an richtig zu leben und zum ersten mal erkannte er das wahre Glück. Sein Fall war so erfüllt, dass er in dieser kurzen Zeit mehr Zeit lebte als es in tausend Jahren ein anderes Lebewesen getan hätte.
Die letzten hundert Meter erfreute Fluffy Flou sich noch an dem Gedanken, dass er theoretisch gegen den Fuchs und die Eichörnchen bestanden hatte. Er wurde niemandes Futter oder vereckte selbst daran, kein Futter zu haben.
Und so lebte das Häschen glücklich bis zum Ende seiner Tage."
Frau Retniw presste ihre Lippen fest aufeinander und lehnte sich zurück. Herr Klein war sprachlos und betrachtete die Lehrerin.
"Die Menschen haben die Mathematik und die komplexe Sprache nicht entwickelt, um sie in der Schule zu unterrichten, Herr Klein. Sie dienen beide zur Verbildlichung und ich kann Ihnen versichern, dass Ihr heutiges Drama nur neue Bedingungen geschaffen hat, ab denen Sie einen neuen Nullpunkt auf Ihrer Gerade setzen sollten, um sich dann einfach den Begebenheiten anzupassen. Anpassungen und Selektionen sind die Grundvoraussetzungen, um neues daraus zu schöpfen, also mit anderen Worten, sich zu entwickeln. Klingt das nicht einleuchtend, Herr Klein."
"Jaja und nennen Sie mich bitte nicht mehr Herr Klein, das ist so unpersönlich!"
"Tja Sie haben mir ja nie Ihren Vornamen verraten. Meiner ist übrigens Vero, falls Sie's vergessen haben."
"Oh, tut mir leid, Vero. Also mein Name ist Edward. Ehm, könnte ich Sie um einen gefallen bitten?"
"Nur zu!"
Edward zögerte, schluckte einmal kräftig und fragte sie endlich: "Darf ich heute Nacht bei Ihnen wohnen? Die müssen mein Schloss noch kaputtmachen und auswechseln, weil ich den Sicherheitsschlüssel in der Wohnung liegen gelassen hab."
Vero war weniger überrascht als erwartet, legte ihre Hand auf die seine und sagte mit ruhigem Ton: "Ich wünsche mir momentan nichts sehnlicher als das, Edward."
Nachdem die Glocke zum letzten mal bimmelte, warf sich Edward seine Jacke über und verließ mit einem Lächeln in der Brust die Schule. Da Veros Arbeitstag später anfing und später aufhörte, musste er sich in der verschneiten Stadtlandschaft noch ein bisschen die Füße vertreten.
Butty und Tino waren beide erst acht Jahre alt. Ihre Freundschaft war genauso alt. Butty war ein ehrgeiziges, sehr kräftiges Mädchen, stets bemüht ihren stolz zu wahren. Tino war ein eher hagerer, sehr ruhiger Junge und hatte eine besondere Haarfarbe. Während Butty stolz darauf war, zu den wenigen Menschen mit roten Haaren gehören zu dürfen, waren Tinos grausilberne Haare für ihn egal aber für andere ein echter Hingucker.
Der heutige 25. Februar bildete für das ungewöhnliche Paar einen ganz besonderen Tag. Die beiden hatten sich für jeden 25.Februar ein Spiel ausgedacht, dass so ging: Jeder sollte an diesem Tag so viele Dinge wie möglich auftreiben, diese auf dem abendlichen Flohmarkt verscherbeln und das erworbene Geld dem anderen schenken. Derjenige, der am Ende das meiste Geld verschenkt, hat gewonnen.
Natürlich konnten die beiden es die Jahre zuvor nicht unterlassen zu schummeln, indem sie sich Tage vorher einen guten Haufen aus eigenen Spielsachen zurechtlegten, Freunde anschnorrten und ihren Eltern mit großen tränengefüllten Augen schon ein paar Geldstücke entlockten. Doch dieses Jahr war etwas anders als sonst. Mürrisch warf Butty böse Blicke auf den kleinen Haufen ihrer Spielsachen, in dem jedes einen ganz besonderen Wert für sie hatte und konnte einfach nichts davon entbehren. Auch die Freunde waren dieses Jahr nicht dazu zu bringen, ein paar Sachen abzugeben und für die Eltern waren Butty und Tino nun zu alt, um per Tränen etwas aus ihnen herauszulocken. Fest stand, dieser Februartag würde ein ganz anstrengender sein.
So kam es, dass die Kinder schon sehr früh aufstanden und die Stadt nach Spendern abgrasten. Beide konnten keinerlei Erfolge verbuchen. Trotzdem gaben sie nicht auf, denn sie hatten sich für solche Situationen schlauerweise mit Notfallplänen gewappnet. Butty half nach der Schule alten Omis bei Einkäufen und beim Überqueren von Straßen, in der Hoffnung aus Dankbarkeit etwas Geld zugesteckt zu bekommen und Tino half seiner Mutter in ihrem Café beim Servieren. Für seine Mutter war er nichts weiter als eine nette Hilfe und deshalb verlangte er von ihr keine Belohnung. In Wahrheit hatte er es auf das Trinkgeld abgesehen.
Es ging schon auf die 3 Uhr zu und Butty war sichtlich genervt. Die meisten Omis bedankten sich nicht mal mit Worten oder schlugen nur um sich, weil sie meinten keine Hilfe zu benötigen. Irgendwann trieben die alten Frauen Butty soweit, dass sie nur noch mit Arschtritten über die Straßen befördert wurden, wofür natürlich auch keine Belohnung ausstand.
Tino erging es nicht groß anders. Ältere Herren, die ihm nur anerkennend auf die Schulter klopften, Frauen mittleren Alters, die ihn unheimlich anlächelten und kein einziger Cent verdientes Trinkgeld zogen seine Laune in den Keller. Er wurde aufgrund seines Alters nicht für voll genommen und da ihm so anscheinend kein Geld zustand, passierte es ausversehen mal, dass ihm ein heißer Kaffee ausrutschte und sich über die Gäste verteilte.
Die Verzweiflung trieb das junge Paar beinah zum Wahnsinn.
Gegen 6 Uhr hatte immer noch niemand etwas zu bieten, sodass jeder sich jeweils zum Treffpunkt aufmachte, um dem anderen seine Niederlage zu offenbaren. Die Sonne ging allmählich unter und tauchte die Dächer und Baumkronen in einen mystisches Lila. Auf dem Weg machte Butty jedoch noch einen kleinen Abstecher nach hause. Tino war schon fast am Platz angekommen, als er an einem Baum etwas blitzen sah. Mühselig erkletterte er diesen und stieß mit der Nase gegen drei wertvoll aussehende Taler, die jemand mit einer Schnur am Ast befestigt hatte.
Wenige Minuten später standen sich die beiden Freunde sichtlich nervös gegenüber.
"Du Tino, ich muss dir was beichten.", begann Butty.
"Wieso, was ist denn?", erwiderte Tino verwirrt.
"Ich hab es nicht mehr geschafft, etwas zu verkaufen, deshalb habe ich dir das hier von Zuhause mitgebracht."
Butty holte einen Plüschhasen hinter ihrem Rücken hervor und streckte ihn Tino mit geschlossenen Augen hin. Tino klappte der Mund auf.
"Das ist doch dein Lieblingskuscheltier, dass dir deine tote Oma geschenkt hat! Das kann ich nicht annehmen!"
"Doch ich will, dass Fluffy jetzt dir gehört, Tino. Ich habe das Ding eh nur vernachlässigt und glaube, du wärst ein guter Vater für ihn."
"Aber dann..."
"Dann was?"
"Na dann ist mein kleines Geschenk doch so doof! Ich habe es auch nicht geschafft, Geld aufzutreiben. Das einzige, was ich heute gefunden habe, ist das hier. Es hat überhaupt gar keinen Wert!"
Wütend schleuderte Tino die drei Taler auf den Boden, wo sie auf den Kanten um die nächste Ecke rollten.
"Reg dich nicht auf, Tino! Aber... wer hat denn jetzt eigentlich gewonnen?"
"Ich weiß nicht recht...Oh, ich glaube...Ja, ich habe eine Idee!"
"Und, und? Was ist deine Idee, sag schon!"
"Heute gewinnen wir beide! Den kleinen Flou kannst du behalten und ich schenk mich dir und du dich mir!"
"Du gehörst dann mir allein?"
"Ja, von Kopf bis Fuß!"
"Oh, das...das ist...ich meine..."
Butty schaute sich um, entdeckte ein kleines Mädchen, das auf ihre Kleider kaufende Mutter wartete, stolzierte zu ihr hin, überreichte ihr feierlich den Plüschhasen, drehte sich um, rannte auf Tino los und umarmte ihn so fest sie konnte.
"Oh, Tino! Das ist der schönste Februar meines Lebens!"
Zu genau dieser Sekunde, nicht weit entfernt, stolperte Edward auf seinem Spaziergang über etwas blitzendes, kleines.
Als der neue Morgen anbrach, begann Edward Kleins neues Leben: Im Bett ein Küsschen auf Veros zarte Wange, in der Küche ein ausgewogenes Frühstück, im Bad eine nette Spiegelbildbegrüßung sowie eine ordentliche Reinigung seiner Zähne. Mit Elan sprang der große Mann in seine Schuhe, band sie zu, legte sich den Schal um und griff nach der Jacke. Wie jeden Morgen drehte er sie um.
Doch dieses mal fielen 3 goldene Taler heraus, die er mit einem athletischem Sprung aufzufangen versuchte. Es war ihm völlig egal, ob er sie fing oder nicht. Es war sogar im Gegenteil ein spannendes Ereignis, weil er nicht hundertprozentig sicher sein konnte, dass die Taler in seiner Hand landen würden.
"Was passiert, passiert eben", wurde der Leitspruch dieses neu eingeführten Morgenrituals. Die Chancen waren so fair wie das Leben an sich.