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Mittwoch, 7. Oktober 2009

Das Gewissen

"RRIIING", der Freudewecker bimmelte auf die Sekunde genau. (Klingelt pünktlich, hab ihn perfekt repariert!) Dennoch erhob ich mich möglichst vorsichtig vom Sofa, peinlich darauf bedacht, nicht meine Hose faltig zu machen. (Hab wohl zu viel Apfelsaft getrunken und bin aufm Sofa eingepennt)... "Ups", ich trat auf eine Blume und sah mich um. Auf dem Fernseher hatte jemand weitere Blumen hingestellt, auf dem Boden lagen mehr als 30 Liebesromane jeglicher Art, die Gardinnen waren dünn und ließen die freundliche Sonne hinein und eine lauwarme Torte stand auf dem Tisch. (Also ne Party findet hier nicht statt, muss alles für mich sein.) Elegant hopste ich zum Badezimmer, schaute in den Spiegel und sah einen übelst gutaussehenden Mann mit gesunder Farbe im Gesicht und hübsch gewellte Haare, die mir ein zufriedenes Nicken entlockten. (Bezaubernd, das bin ja ich!)
Nachdem ich sitzend in meine Toilette strullerte, warf ich mir einen Mantel über, um durch den modernen Hausflur, über die Strasse, mir beim Reformhaus ne gute, dicke Rolle Reiscracker zu besorgen. (Wer sowas nicht isst, hat bestimmt eine gleichwertige Vorliebe. Natürlich sollen auch Frauen ihre kleinen Leckerlis finden, denn man will ja nicht, dass sie wegen den dünnen Models sogar auf Popcorn ect. verzichten müssen.) Angekommen merkte ich jedoch, dass ich zu viel Geld dabei hatte. Betreten schaute ich dem kleinen Verkäufer ins Gesicht. (Wenn ich mir jetzt nichts einfallen lasse, gehe ich mit schlechtem Gewissen heraus.)
Das Blatt wendete sich, als eine junge Frau, gerade mal 20, den Laden betrat. Mein Blick wanderte über ihre enorm ausdrucksstarken Augen und ihre zierlichen, zuckenden Lippen. Der Tag war gerettet! Ich bezahlte ihr sogleich die Reiscracker, die sie sich zu meinem Entzücken wählte. Als sie daraufhin den Laden verließ, folgte ich ihr. Eine Staßenecke weiter blieb sie stehen und drehte sich um. "Warum verfolgst du mich?" (Auf diese Frage gibt es zweierlei Antworten: Erstens, wegen ihrer Schönheit und zweitens, überflüssige Zeit.) Ich entschied mich für letzteres. Aus meinem Mund entsprang, begleitet vom fisteligen Ton der Liebe, ein lauter und deutlicher Satz: "Bin mit etwas zu viel Zeit gesegnet." (Gefühlsehrlichkeit ist nicht meine Stärke)
Sie reagierte dementsprechend genervt, wurde ungeduldig und wußte offensichtlich nicht, was sie antworten sollte. So ergriff ich die Offensive. Meine Hände entwendeten ihr die Reiscracker, worauf diese in meiner Eile in kleine Pufferfetzen zerissen und wie Schnee über uns herabregneten, während wir uns oralen Entzückungen der Liebe hingaben. (Achtung, es geht nur ums Küssen!)
Mit einem Ruck riss sie sich urplötzlich aus meiner Umarmung. Doch was war das? Erblickten meine Augen in den ihren etwa Schmerz? Meine Vermutung bestätigte sich in Form eines ihr deutlich ansehbaren schlechten Gewissens. (Oh Sch.., sie ist schon vergeben!)
Mit meinen unfreiwillig erbeuteten Crackerüberresten stolperte ich schnellen Schrittes Richtung Heim. Plötzlich fing es an zu regnen und ich rutschte beinahe auf dem nassen Boden aus, als sie auf einmal anfing, mir schluchzend hinterher zu kriechen. Jämmerlich brach sie an meinen Füßen zusammen und lag einfach nur da. (Nein Kleines, dieser Fehler ist deiner!) Daliegend, schön wie sie war, nass wie sie war, hilflos wie sie war, verstärkte sie doch, eben durch diese Unschuldigkeit, eine gewisses Verantwortungsgefühl meinerseits.
Ich hob meinen Kopf, ließ die unangenehmen Tropfen über meine zarten Wimpern fließen und schrie: "Ich mache nie Fehler! Du durftest mich nicht verführen!" Ihre Tränen vermischten sich mit dem Regen und flossen gemeinsam mit einer langsam ansteigenden Pfütze in einem Gulli ab. (Du lässt mir kein schlechtes Gewissen!) Ihre weiße, fehlerlose Haut wirkte im strömenden Regen noch zarter. Ich konnte nicht anders und musste einfach weg gehen, rennen, flüchten, und sie loswerden. Innerhalb von Sekunden lag ich wieder auf meiner Couch... aber nicht entspannt... ich hatte Angst... Angst vor etwas, was ich bereuen musste... ein ewig belastetes Gewissen...